Die meisten zivilen Opfer des Drohnenkrieges über Pakistan bleiben namenlos. Niemand erfährt von ihrem Leben, hört ihre Geschichte. Allenfalls diejenigen, die sterben, tauchen als Bodycount in der Statistik auf. Will man die Opfer mit seiner Empathie würdigen, die durch nackte Zahlen nicht geweckt wird, ist die Imagination gefordert: Was es braucht, ist eine literarische Bearbeitung, die diese Schicksale für den Leser lebendig werden lässt.

Folgende Geschichte ist mir dazu eingefallen (Lesezeit etwa 30-40 Minuten):

Es war vor vielen Jahren im Sommer. Ibrahim war mit seinen Eltern und Geschwistern, einem Onkel und einer Tante, in einem engen Wagen über die karge Hochebene des Punjab gefahren. Wenn er sich heute daran erinnert, riecht er den Duft der frischen Kleider, sieht das gelöste Gesicht seiner Mutter, die schwarze Haarsträne, die unter der Verschleierung hervorschaut, und hört die Stimme eines namenlosen Sängers und Sitarspielers aus dem Radio, an den er später noch oft denken sollte. Sein Gesang war feierlich, traurig und leicht. Doch worüber er gesungen hat, weiß Ibrahim nicht zu sagen. Ebenso wenig, wohin ihre Familie damals unterwegs war. Er war erst fünf. Das Nächste, was er erinnert, ist die Rast an einem staubigen Platz mit einem kümmerlichen Baum. Das Auto mit seinen anderen Verwandten hatte zu ihnen aufgeschlossen. Ibrahim hockte im Graben hinter dem Baum, sein Geschäft zu verrichten. Ein Flirren umgab den Rastplatz, die Insekten zirpten schrill – und ein plötzliches Zischen zerriss die Luft, ehe Knall, Feuer, Hitze und Druck Ibrahim die Besinnung raubten.

Als er wieder aufwacht, findet er sich in einer kleinen dunklen Kammer wieder. Eine alte Frau, die ihm sagt, sie seien verwandt, kümmert sich um ihn. Tage und Wochen vergehen. So gut es geht, so gut sie kann, versucht sie ihm zu erklären, was passiert ist, wieso seine Mutter und sein Vater, seine Geschwister, seine Onkel und all deren Frauen und Kinder tot sind. Sie fängt dann an, etwas von einem fernen Land und von Flugzeugen zu erzählen, schlägt aber bald die Hände vor ihr faltiges Gesicht und fleht Allah und die Größe seines Namens an. Einmal, als sie an einem Fernseher vorbeikommen, zeigt die alte Frau, Daadi Ayasha, die Schwester seiner Oma, auf das Bild und sagt, dass es das gewesen sei. Ibrahim sieht, wie ein graues Flugzeug ohne Fenster über eine braune Wüstenlandschaft fliegt, wie ein rotgelber Lichtball vor dem Hintergrund des blauen Himmels aufleuchtet und eine Rakete zischend gen Boden rast. Ja, das ist es. Daadi Ayasha hat recht. Er hört dieses Zischen jede Nacht. Von nun an verfolgen ihn auch die kleinen grauen Flugzeuge. Sie drehen sich über ihm, zeichnen die Bahnen vor, durch die seine Träume nachts irren. Sie sind ein Mobile aus Drohnen, das zwischen ihm und dem Frieden der Nacht schwebt. Des Tages schreckt er auf, sobald er ein Zischen oder Summen hört. Seine Welt ist ein Grauen, bevölkert von Maschinendrachen, die Tod und Feuer speien. Niemand, so spürt er, kann sie vom Himmel holen und ihrem Wüten Einhalt gebieten.

Die Monate vergehen. Es wird wieder Sommer. Das Mobile der Drohnen dreht seine letzten Windungen, die Erinnerungen werden verdeckt, das Tor zur Kindheit schließt sich. An manchen Tagen ist es schon so, als hätten Vater und Mutter, Bruder und Schwester, nie gelebt. Oder zumindest nicht im gleichen Haus oder der gleichen Stadt, sondern nur an irgendeinem anderen Ort, der ganz verschieden ist von allem, was Ibrahim kennt. Ein Ort, so weit weg, dass man allenfalls hinkommt, wenn man einen Traum in einem Traum träumt.

***

Als Daadi Yasha stirbt und jenen Traum betritt, in dem ihre Kinder und Enkel seit dem Tag der Drohne auf sie warten, kommt Ibrahim in eine Koranschule. Er trägt weiße Gewänder, schläft mit vielen anderen Jungen in einem Schlafsaal und ist still und verschlossen. Er lernt die Verse und Suren des Koran, betet, tut, was man ihm sagt. Er hört von den Taten der Ungläubigen, versteht zum ersten Mal, was sie ihm, was sie allen Muslimen angetan haben. Auch gibt es in der Madrasa andere Koranschüler, die ebenfalls ihre Familie bei einem Drohnenangriff der Ungläubigen verloren haben. Einer von ihnen ist unlängst zum Märtyrer geworden, zum umjubelten Helden der Koranschule, zum Vorbild aller Schüler. Ibrahim ist nicht mehr allein. Mit einem, Jamal, freundet er sich sogar ein wenig an.

Doch die meiste Zeit verbringt Ibrahim damit, sich die Worte und Verse des Korans aufzusagen, sie in seine Hände zu sprechen und aus ihnen wieder herauszulauschen, wenn sie in den Ohren verklingen. Einmal, kurz bevor der alljährliche Wettbewerb im Rezitieren des Korans anstand, schlenderten Ibrahim und Jamal über den Sahn, den Hof vor der Moschee. Jamal sprach mit gewichtiger Stimme über eine bekannte Sure. Jamal war drei Jahre älter. Doch teilte er als Waisenkind Ibrahims grausames Schicksal, wenn sie auch nie so darüber gesprochen hatten, dass der Schmerz sich hätte Bahn brechen können. Jamal redete nicht zum ersten Mal über diese Sure. Endlich endete er seine Ausführungen und Ibrahim kam zu Wort, rückte mit der Sprache raus, sagte, er überlege, beim Wettbewerb zur Koranrezitation mitzumachen Er öffnete seine Hände, verlor den Blick in ihnen und brachte die ersten Worte seiner Lieblingssure hervor. Bald verfiel er in einen melodischen Singsang, ließ seine Stimme von alleine sprechen, während er selbst, seltsam entrückt, in eine tagträumerische Leichtigkeit abdriftete. Sprach´s – und zog von dannen. Ibrahim blieb verstört zurück, bekam es mit der Angst zu tun und hoffte, Jamal würde niemandem etwas erzählen. Er vermied es, seine Stimme erklingen zu lassen, machte bald beim Rezitieren absichtlich Fehler. Nicht halal, unrein, das war nämlich das Schlimmste.

***

Einige Jahre später, Ibrahim war inzwischen ein junger Mann und Jamal den gepriesenen Weg des Märtyrers gegangen, trat man auch an Ibrahim heran. Imam Said, der Direktor der Madrasa, empfing ihn in Begleitung eines glatzköpfigen Mannes in westlichem Anzug in seiner Privatwohnung. Imam Said sagte, was er immer sagte. Er lobte den Ruhm und das Vorbild der Märtyrer, klagte die Ungläubigen an und malte die Freuden des Paradieses aus. Gerade Waisen wie Ibrahim sei der Weg des Märtyrers von Allah selbst vorherbestimmt …

Zwischendurch klingelte Saids Handy und er entschwand ins Nebenzimmer. Der Glatzköpfige blieb allein mit Ibrahim zurück und ermahnte ihn, dass er, wenn er sein Opfer bringe, unbedingt Allahu akbar rufen müsse, um ins Paradies zu kommen. Das sei das Wichtigste, schärfte er ihm ein.

Der Plan stand schon fest, es war soweit alles arrangiert und Ibrahim brauchte nur noch zu sagen, dass er natürlich bereit wäre, die Kraft seines Glaubens zu beweisen.

Der glatzköpfige Mann hatte ihn dann mit nach Islamabad genommen, wo Ibrahim einen Tag und eine Nacht in eine kleine Kammer zum Beten und Fasten eingesperrt wurde. Am nächsten Morgen legte man ihm eine Weste mit Sprengstoff an, verkabelte sie und gab ihm einen Auslöser zur Hand. Dann streiften sie sein normales weißes Gewand über und fuhren mit ihm zu einem Viertel, das vorwiegend von Jains bewohnt war. Dort auf dem Markt solle er dann zum Märtyrer werden und vorher, unbedingt, noch Allahu Akbar rufen. Ibrahim war dröge und benommen. Die ungewöhnlich sengende Hitze des Tages behagte ihm nicht. Alles war so schnell gegangen. Seine Gedanken hatten sich noch nicht geklärt. Und warum, um alles in der Welt, sagten sie ihm immer, er solle vorher Allahu Akbar rufen? Meinten sie denn, er wüsste das nicht? Zweifelten sie an der Tiefe seines Glaubens oder hatten sie ihm nur Mut machen wollen? Aber war das Eine nicht wie das Andere? Ja, dachte Ibrahim, sie haben die Tiefe meines Glaubens gar nicht gesehen, sie haben mich so routiniert zum Märtyrer herausgeputzt wie in der Autowerkstatt die Wagen gewaschen werden.

Mit solchen Gedanken betrat Ibrahim den Basar. Er stand, mit wackligen Beinen und rumorendem Bauch, an seiner äußeren Ecke. Buden und Stände reihten sich an einem schmalen Gang, an dessen Ende sich der eigentliche Platz weitete. Dorthin sollte er gehen, hatte man ihm gesagt. Doch seine Füße wurden unendlich schwer und in seinem Kopf drehte sich alles wie ein vom Wind angestoßenes Mobile. Er sah sich selbst als kleines Kind mit Mohammed, seinem älteren Bruder, Ball spielen, seinen Vater Tee trinken, das Gesicht seiner Mutter sich ihm zuwenden – und sah dann, im nächsten Moment, als er die Augen wieder öffnete, ebenjenes liebe Gesicht mit der schwarzen, unter dem Schleier hervorschauenden Haarsträhne in einigen Metern Entfernung von sich an einer Bude stehen und ihn anlächeln. Ibrahim riss seine Füße aus dem Boden. Ein Stich durchbohrte sein Herz, als ihn unvermittelt die Erinnerung heimsuchte, wie seine Mutter und all die anderen bei der Explosion gestorben waren. Doch er taumelte der jungen Frau entgegen, die im ersten Moment zurückweichen wollte, blickte sie nur kurz aus tränenverhangenen Augen an, senkte den Blick und ließ seine Stimme sprechen: »Mama, sie sagen, dass ich Märtyrer werden, mich in die Luft sprengen soll …« Die Frau erstarrte, selbst der Impuls wegzurennen erstarb. Doch etwas im Klang der Stimme des jungen Mannes flößte ihr Vertrauen ein. Sie spürte, dass sein Herz offener war als vielleicht jemals eines zuvor. Er würde sich an der Hand nehmen lassen und sie würde alles tun können, was jetzt nötig war. »Wollen sie, dass du dich jetzt und hier in die Luft sprengst? Trägst du jetzt einen Sprengstoffgürtel?« »Ja, Mama …« Sein Tonfall klang nicht gut, ließ berfürchten, er könne abdriften. »Gut«, nahm die Frau das Heft in die Hand, »ich vermute, du trägst den Sprengstoff unter deinem Gewand. Ich zieh dir das jetzt aus und nehm dir dann den Sprengstoff ab, in Ordnung?« Die junge Frau, Faizah, hatte ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Als Kind einer Pakistanerin und eines Amerikaners war sie in den Staaten aufgewachsen, hatte Islamwissenschaften und Urdu studiert und fühlte sich mittlerweile auch in Pakistan heimisch. Sie ging auf Ibrahim zu, befühlte zunächst den Gürtel unter seinem Gewand und sagte ihm dann, dass sie dieses nun mit ihrem Taschenmesser aufschneide. Als die Weste mit dem Sprengstoff zum Vorschein kam, gerieten die Leute rings um sie in Panik, schrien ihre Angst hinaus und rannten davon. »Keine Bange, ganz ruhig, das ist gut so. Das hab ich mir schon gedacht … Wie heißt du eigentlich?« »Ibrahim.« Dann schluckte er. »Und du?« »Ich heiße Faizah. Und wenn du nicht so dünn wärst, dass wir dir die Weste über den Kopf ziehen können, würden wir hier nicht mehr heil rauskommen.«

Behutsam legte Faizah den Sprengstoffgürtel gut sichtbar vor der Auslage mit den Feigen und Datteln ab, fasste dann Ibrahim an der Hand und zog ihn hinter sich her. Die Verletztlichkeit, mit der er sie Mama genannt hatte, zeigte nur zu deutlich, dass er bis auf den tiefsten Grund seiner Seele geöffnet war. Dann die Extremsituation, in der er sich befunden hatte – nicht vorstellbar. Bei ihm musste gerade alles auf Null stehen. Würde er jetzt Zuwendung erfahren, er würde neu geboren, würde er dagegen in die Hände grober Menschen fallen, er wäre für immer verloren. Und diese Stimme, der Klang der Worte, mit der er sie angesprochen hatte, da waren so viel Poesie, traurige Tiefe und Rhythmus, dass sie unbedingt dabei sein, es ihr ermöglichen wollte, zum Sprechen anzuheben, seine gewiss bewegende Geschichte zu erzählen.

***

Sie rannten durch die engen Gassen des Jain-Viertels, ehe sie auf eine Hauptstraße mit Autoverkehr kamen, auf der sie im Strom der Fußgänger untertauchten. Drei Blöcke weiter war Faizahs Wohnung, zwei Zimmer, in einem Hinterhof gelegen. Sie bat Ibrahim, in einem Korbsessel in dem kleinen Salon Platz zu nehmen. »Ibrahim, hier bist du sicher. Du kannst jetzt runterkommen. Aber denk nicht mal im Traum daran, mich anzufassen, klar? Tut mir leid, wenn ich dir das so deutlich sagen muss, aber wie ich die Situation sehe, stehst du so neben dir, dass es nicht wundern würde, wenn du auf komische Gedanken kommst. Ich mach jetzt Tee und du ruh dich aus.«

Faizah brachte Roiboschtee in Bechern, aus denen an dünnen Fäden die Etiketten der Beutel heraushingen. »Na, dann. Erzähl mal!«

Ibrahim wusste nicht, wie ihm war, wo ihm der Kopf stand. Diese seltsame Frau, in der er vorhin noch seine Mutter erkannt hatte, war so fremd, sprach so seltsam und benahm sich so völlig anders, wie er das nur von Ungläubigen vermuten würde. Und doch fühlte er sich auf eine merkwürdige Art von ihr angezogen, die ihm gefiel. Es war, als wäre ein feines Band zwischen ihnen gespannt. So etwas hatte er noch nie wahrgenommen. Das verwunderte ihn so sehr, dass er für einen Moment vergaß, was vorhin passiert war.

»Ich hatte meine Mutter gesehen. Ich dachte wirklich, du wärst sie. Aber danke, danke, dass du mir das Leben gerettet hast!«

Faizah bedeutete ihm mit einer Handbewegung, nicht vom Sessel aufzustehen. »Was ist mit deiner Mutter?«

»Sie ist tot, tot wie alle anderen. Wie mein Vater, mein Bruder Mohammed, meine Schwester Fatima, meine Onkel, meine Tanten … sie sind alle bei einer Explosion gestorben, als eine Drohne vom Himmel auf uns geschossen hat. Jetzt sollte ich ein Märtyrer werden, und ja, warum auch nicht, ich bin ja völlig alleine«, sagte Ibrahim und schaute mit grenzenlosem Erstaunen in seine Handflächen, wie als würde sich in ihnen die Unendlichkeit des Firmaments spiegeln, die allein groß genug war, um seine unerschöpfliche Einsamkeit in sich aufzunehmen. Denn ja, sein Leben mochte er gewonnen haben, doch seine Welt hatte er verloren. An die Koranschule würde er niemals mehr zurückkehren können, er war weder Märtyrer noch Vorbild, er war nichts als eine Enttäuschung. Jetzt erst begriff er, warum sie ihm eingeschärft hatten, vorher Allahu akbar zu rufen. Sie hatten eben doch in seine Seele gesehen, hatten gesehen, dass er es nicht richtig machen würde, so wie er auch den Koran nicht richtig rezitieren konnte.

Die Familie bei einem Drohnenangriff getötet, er ein verhinderter Selbstmordattentäter, schüttelte Faizah ungläubig den Kopf, wie krass, was für eine Story! Genauso, wie man es erwartet. Damit würde der Sender was anfangen können. Ibrahims Schicksal würde die halbe Nation zu Tränen rühren und dem Drohnenkrieg endlich ein Gesicht geben … Faizah wurde gewahr, dass sie schon darüber nachdachte, wie sie Ibrahims Schicksal für ihre journalistische Arbeit verwerten konnte und fühlte sich mit einem Mal kalt, emotionslos und irgendwie verdorben.

»Woran denkst du?« wollte Faizah, auf Ibrahims Hände blickend, wissen.

Ibrahim schreckte auf, schluckte, und erzählte von seiner unendlichen Einsamkeit. Die melodische Essenz aller Verse und Suren des Korans, die er in den langen Jahren an der Madrasa still in sich aufgenommen hatte, sprudelte aus ihm heraus, zum ersten Mal verbanden sich all die unerschöpflichen Worte, die er so oft von all den Menschen um ihn herum gehört hatte, um ihre eigenen Angelegenheiten und Ansichten auszudrücken, zu einem Strom, der den Fluss seines eigenen Lebens nachbildete. Doch bald schon verwirrten sich seine Worte. Es schien ihm unbegreiflich, dass Said, dieser gütige Imam, jetzt enttäuscht darüber war, dass er, Ibrahim, noch lebte.

***

All das ließ Faizah nicht unberührt. Sie fühlte sich von Ibrahim angezogen. Sie musterte ihn. Er war noch Jungfrau, natürlich. Noch war sein Herz offen. Seine Seele hatte sich mitgeteilt. Würde sie nun noch seinen Körper erwecken, wäre seine Verwandlung unwiderruflich. Und dann wäre er wohl ein anderer Mensch, der, wenn sie das Interview mit ihm aufzeichnen, vielleicht nicht mehr so authentisch rüberkäme. Andererseits würde es, jetzt mit ihm zu schlafen, das Risiko ausschließen, dass er einfach weglaufen könnte. Wer weiß, vielleicht wäre er in einem Moment der Schwäche dazu imstande, zu Imam Said in die Madrasa zurückzukehren und um Verzeihung zu bitten. Jetzt dagegen mit ihm zu schlafen, diejenige zu sein, die diesem Menschen zeigt, was in seiner Wirklichkeit bisher nur als verschämter Traum von einem Paradies mit vierzig Jungfrauen existiert, musste eine ganz fantastische, einmalige Erfahrung sein. Ihn dagegen würde es unweigerlich in die Welt jenseits des Islamismus katapultieren. Das Beste, was ihm passieren könnte. Doch wollte sie vorsichtig sein, damit es nicht zu krass würde oder gar schief ginge.

Sie stand auf, ging zu ihm rüber und legte ihre Hand auf seine Schulter. Als er ruhig geworden war, gebot sie ihm, aufzustehen und ihr ins Schlafzimmer zu folgen.

»Ich möchte dir etwas sagen«, begann Faizah und legte ihre Hand an seine Schläfe, »Allah lässt sich vom Menschen nicht nur im Tod berühren, Er lässt es auch in der Liebe geschehen.«

Vorsichtig, mit zittriger Hand beginnt Faizah, Ibrahim zu streicheln. Ibrahim lässt den Blick sinken. Faizah haucht ihm einen Kuss auf die Wange, diese kaum berührend. Sie nimmt seine Hand, führt sie an ihren Körper. Ibrahim spürt das Band zwischen ihnen, schaut ihr in die Augen, sie küssen sich. Faizah führt ihn durchs Entkleiden. lehrt ihn das Berühren, lässt ihn die feuchte Öffnung zwischen ihren Beinen ertasten. Faizah spürt, Ibrahim will zurückschrecken. Das schleimig Glitschige trifft ihn unvorbereitet, die Erfahrung der Unreinheit schrickt ihn. Sie dagegen spürt die kindliche Reinheit seiner Seele, fühlt sich klein und ungenügend, schämt sich ihres Kalküls und verliert die Verbindung zu ihm. Ibrahim driftet ab, schwebt zurück zu den Träumen hinter dem Mobile aus Drohnen und schnellt aus ihnen zurück in seine Gegenwart unmittelbar vor seiner Begegnung mit Faizah. Wäre es nicht doch besser gewesen, den Weg des Märtyrers zu gehen statt den des Sünders? Aber hatte Allah ihn nicht direkt in Faizahs Arme geführt?

»Ibrahim, sie ist nicht nur feucht, sie ist auch warm. Komm jetzt rein …«

***

»Sie wollten dich in den Tod gehen lassen, bevor du das gesehen hast. Vergiss das niemals«, sagte Faizah, nachdem sie Ibrahim sich in ihrem Arm hat ausruhen lassen, »vielleicht ist es nicht ganz so rein wie deine Vorstellung vom Paradies mit den vierzig Jungfrauen, aber war es nicht wunderschön?«

»Ich hab mir das Paradies eigentlich immer als Ort vorgestellt, an dem ich meine Familie, an dem ich meine Mutter wiedersehe.«

Faizah war sprachlos. Wie süß. Ibrahim mochte im physischen Sinne seine Unschuld verloren, doch in seiner Seele schien das noch keine Spuren zu hinterlassen haben, wenngleich sie in seinen Augen genau gesehen, wie Allah ihn berührt hatte.

»Ibrahim, ich bin gleich wieder da«, sagte Faizah, streifte einen Bademantel über und ging in den Salon. Dort telefonierte sie mit Ben, ihrem Kollegen vom Sender, mit dem sie hier Reportagen drehte und gelegentlich Nachrichtenclips aufnahm. Er solle sofort mit seiner Ausrüstung vorbeikommen, Einzelheiten könne sie nicht nennen. Dann überlegte sie, wie sie weiter vorgehen sollte. War es besser, wenn Ibrahim vor dem Interview noch eine Dusche nahm, oder nicht? Sollte sie selbst ihr Nachrichtenkostüm anziehen und später mit Ben noch Aufnahmen am Tatort machen, um bestätigendes Bildmaterial und eventuelle Zeugenaussagen für die Echtheit von Ibrahims Geschichte aufzunehmen?

Ibrahim war eingeschlafen. Faizah konnte alles in die Wege leiten. Als Ben alles aufgebaut hatte, weckte Faizah Ibrahim und gab ihm einen Umhang, den sie von ihrer Vermieterin im Vorderhaus, einer Freundin ihrer Tante, geliehen hatte. Ibrahim saß auf der Bettkante. Sein Schlaf war sehr tief gewesen. Er fühlte sich ausgeruht und erholt, doch fiel es ihm schwer, sich in der Realität einzufinden. Nach und nach drang das Gefühl, nicht mehr allein zu sein, zu ihm durch. Er konnte es nicht begreifen. Seine unermessliche Einsamkeit, die von der Schwärze des Firmaments verschluckt worden war. kehrte, dem Licht der Sterne gleich, als Faizahs Zuneigung zu ihm zurück. Er zog den Umhang über und folgte Faizah in den Salon, wo sie ihn, ohne Ben ihm vorzustellen, auf dem Korbsessel Platz nehmen ließ.

Sie setzt sich ihm gegenüber, rückt das Mikrofon zurecht und beginnt: »Ibrahim, erzähl doch bitte, was dir heute passiert ist?« Faizah merkt, dass sie wie eine Mutter zu ihrem Kind spricht. Sie schluckt. Ibrahim flötet los, setzt aus, es passt nicht. Dann spürt er das Band zu Faiza wieder, fasst Vertrauen und erzählt, was ihm heute wiederfahren, erzählt, wie es dazu gekommen, dass er der geworden ist, der heute auf dem Markt Allahu akbar rufen sollte und endet damit – Faizah rutscht währenddessen unruhig auf ihrem Sitz hin und her – dass ihm seine Mutter erschienen ist und ihn davor bewahrt hat zu tun, was er tun sollte. Faizah fällt ein Stein vom Herzen. Natürlich könnten sie eine eventuell peinliche Stelle rausschneiden, aber es macht sich immer gut, wenn man ein Interview in voller Länge auf der Homepage veröffentlicht. Bemerkenswert außerdem sein feines Gespür, mit dem er sofort auf ihre Scham reagierte. Er war zweifellos ein feinfühliger, sensibler Mensch. Wer weiß, was noch für Talente in ihm schlummerten …

Faizah bedankt sich bei Ibrahim für das Gespräch, das Interview ist beendet – und Ben ruft enthusiastisch: »Cut! We´ve got it!«

Erst als Ibrahim Bens Stimme zum ersten Mal hört, realisiert er seine Anwesenheit, das Wort der fremden Sprache schlägt raketengleich in sein Bewusstsein ein.

»Was ist das für eine Sprache? Was hat er gesagt?«

»Äh, das ist Englisch …« erschrickt Faizah und bereut im selben Moment, nicht gelogen zu haben.

» Hey man, that was great!« versucht Ben, ein Absacken der Stimmung zu verhindern.

»Seid ihr Amerikaner?«

»Ja. Das heißt, meine Mutter ist Pakistanerin. Ich bin Muslima.«

Ibrahims Hände gingen unterdessen zum Herzen. Man konnte ihm ansehen, wie die Erinnerung an den Tod seiner Familie einschlug, zusehen, wie das Leben in ihn zurückkehrte, nachdem er gehört, dass sie Muslima sei.

***

Mit der Veröffentlichung des Beitrags wollten sie warten, bis sich der örtliche Trubel um das missglückte Selbstmordattentat gelegt hatte. Mindestens. Nach ein paar Tagen schon hörte man nichts mehr davon. Die Polizei schien keinen Elan zu haben, einen jungen Selbstmordattentäter zu verfolgen, der es sich im letzten Moment anders überlegt, wegläuft und seinen Sprengstoff liegen lässt. Derweil ging Faizah eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit Ibrahim ein. Bald schon verzieh er ihr, dass sie sich für den Islam zwar interessierte, sogar studierte Kennerin sei, aber dann doch nicht so strenggläubig und eigentlich auch nie konvertiert sei. Das Wichtigste wäre ja doch das Herz, aber ja, natürlich würde auch sie irgendwie an eine höhere Kraft glauben. Ibrahim wiederum bemerkte, dass es ihm leichtfiel und Spaß machte, sich die Worte der fremden Sprache zu merken, deren spröde Schönheit er bald bemerkte. Für die Zeit, wenn Faizah mit Ben unterwegs war, hatten sie ihm eine Gitarre mit Übungskurs besorgt. Er könnte wohl musikalisch sein.

Jahre später, nachdem alles gut über die Bühne gegangen war, Ibrahim längst in den USA lebte, die andere Seite der Wirklichkeit kennengelernt und nach vielen Herausforderungen seinen eigenen künstlerischen Stil als Singer/Songwriter gefunden hatte, kündigte er bei einem Konzert ein Lied mit den Worten an: »Der nächste Song handelt von einem Freund, Jamal, der genau wie ich seine Familie bei einem Drohnenangriff verloren hat. Wir gingen zusammen zur Koranschule. Einmal habe ich ihm vorgesprochen, wie ich den Koran rezitiere. Er reagierte wütend, sagte, das sei nicht halal. Ich nahm mir jedes Wort zu Herzen und verfiel dem Schweigen. Später, als ich sah, wie meine Stimme andere berührte, dachte ich, dass er vielleicht einfach nur neidisch war oder einen schlechten Tag hatte. Aber mittlerweile begreife ich, dass sein Schmerz einfach so tief war, seine Seele so im Innersten verletzt, dass sie den Glauben an eine Heilung verloren hatte, sie nicht mehr wollte. Er muss gespürt haben, dass in meiner Stimme, in diesem Moment, jene Liebe Allahs anklang, die einen auch über die größten Unglücke hinwegschreiten lässt. Doch er konnte das Erklingen der Stimme nicht zulassen, ging den Weg des Märtyrers. To make a long story short: This one is dedicated to all the victims of the drone war.«

Wer mehr über den Drohnenkrieg wissen will, sei auf die Seite „Naming the Dead“ des The Bureau of Investigative Journalism verwiesen.

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