Nachdem Ende April eine S-Bahn in Hamburg mit einer zugemauerten Tür durch die Stadt fuhr, ist nun endlich ein Video aufgetaucht, das dieses geniale Kunstwerk angemessen dokumentiert und erfahrbar macht.

Gab es zunächst nur Fotos und Videos von Augenzeugen der „weißen Wand“, hat nun das Modelabel Nofugazi ein Originalvideo der Künstler veröffentlicht. Diese sind unter dem Pseudonym Moses & Taps bekannt, gelten, nicht zu Unrecht wohl, als heißeste Vertreter des „Konzept-Vandalismus“ und hatten jüngst sogar eine Einzelausstellung in Paris. Trotzdem ist ihr Kunststatus nicht allgemein anerkannt und die Medien greifen bei der Beschreibung ihrer Aktion, freilich nicht ohne Sympathien durchscheinen zu lassen, auf die üblichen Etiketten wie „Vandalismus“, „Täter“ oder „Bekennervideo“ zurück.

Schaut man sich das Video und vor allem die Reaktionen der Augenzeugen an, so fällt Folgendes auf. Zum einen gibt es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Leuten, die nichts mehr aus der Fassung bringt. Sie sehen nur: Aha, da steht eine Mauer. Nehme ich also schnell einen anderen Eingang … Bis zum Tod im gleichen Trott, könnte man diese Einstellung umschreiben. Schrecklich! Dann gibt es die Leute, die gleich ihre Handys zücken, um Fotos zu machen. Sie erkennen das Außergewöhnliche, den Kunstcharakter des Ganzen. Und zu guter Letzt gibt es noch das Mädchen mit ihren Begleitern (Minute 4:40), das die Wand mit ihrem Finger berührt: Ist sie wirklich echt? Steht sie in Wirklichkeit da? Die visuelle Wahrnehmung der jungen Frau reichte nicht aus, um sich der Realität gewiss zu sein, sie brauchte eine ergänzende haptische Erfahrung. Dann dreht sie sich um und lächelt in die Kamera: Es ist Liebe im Blick – ein magischer Moment.

Surrealistische Streetart

Solch magische Momente bei der Betrachtung zu ermöglichen ist das Wesensmerkmal großer Kunst. In diesem Fall blieb es aber nicht bei einer emotionalen Ergriffenheit, nein, ihr gingen ein Zweifel an und eine Überprüfung der Realität der Realität voraus. Das hat, ohne zu übertreiben, transzendenten Charakter. Die weiße Wand in der S-Bahntür, aus echtem Stein gemauert, mit echtem Mörtel verputzt, könnte wie das Kaninchenloch in „Alice im Wunderland“ ein Tor in eine Anderswelt sein. Zwar hat niemand die Probe aufs Exempel gemacht und ist gegen die Wand gesprungen, doch das Momentum der Bewegung war bei der Aktion dennoch vorhanden. Schließlich handelte es sich um eine fahrende Wand – und Fahrzeuge (Autos, Züge, Schiffe, Flugzeuge) bestehen eigentlich nie aus Ytongsteinen (Ausnahme: Hausboote), wodurch es einen ergänzenden Realitätsbruch im eigentlichen Material gibt –, die Station für Station einen neuerlichen Sesam-Öffne-Dich-Realitätsbruch zelebrierte. In gewisser Weise hat das Ähnlichkeit mit einer Ikone, die bei einer Prozession durch die Stadt getragen wird. Allerdings handelt es sich bei Ikonen eher um „Fenster in die Transzendenz“, aus denen zumeist ein Heiliger herausblickt und mit kanonischer Fingerhaltung winkt. Davon kann bei der „weißen Wand“ natürlich nicht die Rede sein, doch waren die Ikonen und ihre Konzeption Ausgangspunkt für das wohl berühmteste Werk des russischen Suprematisten Kasimir Malewitsch: Das schwarze Quadrat. Damit wären wir dann beim springenden Punkt angelangt, denn die Ähnlichkeit zwischen der weißen Wand und dem schwarzen Quadrat liegt auf der Hand. Beide fragen: Was ist die Realität? Was ist das Heilige? – Dankenswerterweise hat die junge Frau uns diese Frage beantwortet: Es ist die Liebe.

Hamburger Taliban

Welch Jammer, dass ein solch bahnbrechendes und einmaliges Werk wie die „weiße Wand“ zerstört worden ist. Zerstört von den Bürokraten der S-Bahn, den „Bis zum Tod im gleichen Trott“-Menschen, für die es einfach nur eine „Sachbeschädigung“, „Vandalismus“ oder dergleichen war und die sich nicht die Mühe gemacht haben, es solange auf sich wirken zu lassen, bis seine Bedeutung wirklich zu ihnen durchgedrungen wäre. Das ist umso bedauerlicher, da sie ja durchaus den Hauch seiner Kraft gespürt haben. Immerhin hat das Kunstwerk ihnen ein Lachen abgerungen, doch ist der Humor bestenfalls zweiter Sieger hinter der Liebe. Aber was soll man machen? So sind sie halt, die Menschen. Wenn das falsche Etikett an einer Sache klebt, ist´s aus und vorbei. Da macht es keinen großen Unterschied, ob jemand seine Brötchen bei der Hochbahn oder bei der Taliban verdient: Klebt das Etikett „Götzenbild“ an einer Buddhastatue, so wird sie platt gemacht. Ist man mit einem Werk konfrontiert, das die Genialität von Malewitschs Schwarzem Quadrat in nicht für möglich gehaltener Weise erneut ins Dasein holt, wird es trotzdem zerstört, einfach weil das Etikett „Sachbeschädigung“ dranklebt. Sachbeschädigung! Ich fass es nicht! Die Banausen haben das Original der Weißen Wand unwiderbringlich zerstört und haben jetzt noch den Nerv, die Künstler der Sachbeschädigung und des Vandalismus zu bezichtigen …

Einziger Trost ist, dass auch Malewitsch mehrere Anläufe gebraucht hat, ehe das Schwarze Quadrat das Meisterwerk war, als das wir es heute bewundern. Vielleicht hat die Hochbahn ja ein Einsehen, zieht die Anzeige gegen Moses & Taps zurück und ermöglicht ihnen stattdessen, ihr außergewöhnliches Werk zur Vollendung zu bringen. Leere Gleise nicht in Betrieb genommener S-Bahnstrecken, auf denen man einen ganzen Waggon ab- und ausstellen kann, gibt´s in Hamburg nämlich genug.

Wer mag, kann dem Autor auf Facebook oder Twitter folgen oder ihn auf ein WG-Zimmer in, äh, Berlin, aufmerksam machen.

1 Comment on Streetart: Die weiße Wand

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