Seit Jahren geistern der Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone und ein folgender Zusammenbruch der gesamten Währungsunion als ein Schreckgespenst durch die Gedanken aller politisch Interessierten. Zeit genug also, diese Vorlage literarisch aufzunehmen und als ein zugleich realistisches wie existentielles Szenario zu verwenden, in dem die großen Fragen nach dem Wesen des Menschen, der Sinnhaftigkeit unserer Realität und unseres Lebens oder unserem Verhältnis zum deutschen Teil unserer Identität gestellt werden können.

Dies alles und noch viel mehr findet sich im Roman „Staatsgeheimnis“, den ich 2014 als Ebook veröffentlicht habe. Der Ausstieg Griechenlands aus dem Euro findet dabei bereits auf Seite 23 statt:

„Jedenfalls war Daniel nicht wenig schockiert gewesen, als die Hohen Priester der Europäischen Union, allen voran der frisch gewählte Bundeskanzler Besserberg, plötzlich doch bereit waren, Griechenland auf dem Altar des Kapitals zu schlachten. Die Wiege der Demokratie und der Philosophie, des Theaters und des Sports. Was hatten sie die griechische Gesellschaft erst mit ihren Sparpaketen ausgehungert, in die Verzweiflung getrieben und ihnen dabei verführerisch mit der Möhre einer Finanzspritze vor der Nase herumgefuchtelt, nur um dann, als Griechenland bis auf die Knochen abgemagert war und nur noch ein blasphemisch jämmerliches Opfertier abgab, doch noch die Messer zu zücken, um mit seinem dunklen, müden Blut die Finanzdämonen zu sättigen und zu besänftigen.
Natürlich war der tatsächliche Ablauf der Eurokrise etwas anders gewesen. Trotz eines großen Unmuts in der deutschen Bevölkerung und ihrer eigenen Partei wollte die damalige Bundeskanzlerin ein neuerliches Griechenlandhilfspaket erzwingen, beschwor zum wiederholten Mal das Ende des Euros und der Europäischen Union herauf, verknüpfte das Ganze mit einer Vertrauensabstimmung – und verlor. Vor allem Besserberg, der vor seinem Job als Verteidigungsminister schon das Amt des Wirtschaftsministers innehatte und deswegen in der Eurofrage als besonders kompetent galt, ließ durchblicken, dass man den Euro auch ohne Griechenland retten könne. So war jedem klar, dass Besserberg darauf spekulierte, dass das teure Rettungspaket und die Vertrauensabstimmung scheiterten, damit er danach die Nachfolge der dann ebenso gescheiterten Kanzlerin antreten könnte. Es fanden sich auch genügend Abgeordnete in der Regierungskoalition, die der unzähligen Euro-Rettungspakete und sonstiger Krisenmaßnahmen müde waren und Besserberg nur zu gerne den Gefallen taten – und schon war der Weg für ihn frei.
Abstoßend, wie kaltblütig er da das Schicksal Griechenlands einfach seinen persönlichen Machtinteressen untergeordnet hatte. Noch widerlicher war nur, dass die Bücherwand, vor der er seine erste Ansprache an die Nation gerichtet hatte, in der er den Griechen mit verkniffenem Grinsen den Schierlingsbecher reichte, tatsächlich Gesamtausgaben von Platon und auch Aristoteles enthielt, wie Daniel sich, näher ranzoomend, vergewissert hatte. Doch was sollte man sagen? Der Erfolg hatte ihm leider recht gegeben. Für den Euro war der griechische Austritt wider Erwarten doch kein Problem gewesen, auch wenn die Börsen ein paar Tage lang sehr unruhig waren. Bisher war die befürchtete Kettenreaktion ausgeblieben. Die griechische Demokratie dagegen, nun ja, die war hopps gegangen und bei den unvermeidlichen Unruhen war sogar scharf geschossen worden. Einige Menschen waren dabei gestorben. Daniel hatte die Nachrichten nicht en détail verfolgt, das war ihm für sein Nervenkostüm zu heftig gewesen. Aber wenigstens war jetzt wohl wieder Ruhe und Ordnung eingekehrt und die Militärjunta hatte auch gleich in einer ihrer ersten Verlautbarungen versprochen, möglichst bald wieder zu demokratischen Verhältnissen zurückkehren zu wollen.
Aber letztendlich war und blieb das doch alles eine Tragödie griechischen Ausmaßes. Und das Einzige, was da noch fehlte, war ein positiver Held. Und mit dieser Rolle hatte Daniel Bender bei aller Bescheidenheit schon für sich selbst geliebäugelt. Wenn er auch zu spät kam, um Griechenland noch zu retten, würde er doch Rache an dessen Verderber, ihrem gemeinsamen Todfeind, nehmen. Nicht umsonst hatte Daniel nämlich die Fährte aufgenommen, die ihn zu Besserbergs dunklem Geheimnis führen sollte, dessen Existenz Daniel gestern, in der Samstagsausgabe der tax, erstmals einer größeren Öffentlichkeit gegenüber angedeutet hatte.“

Staatsgeheimnis

Bei diesem „dunklen Geheimnis“ handelt es sich, was keine große Überraschung sein dürfte, darum, dass der Roman-Bundeskanzler Theobald von Besserberg bei seiner Doktorarbeit plagiiert hat. Das literarische Potential des Plagiatthemas ist dabei außerordentlich groß, bringt es doch eine Metaebene herein, da der Roman mit seinem Ausgangsszenario die politische Realität, an die wir uns gewöhnt haben, ebenfalls plagiiert. Dicht an der Gegenwart mit all ihren Tabus und Reizthemen, aber doch immer den einen entscheidenden Schritt zur Seite, der sowohl karikierende Überzeichnungen als auch eine von überkommenen Denkgewohnheiten freie Herangehensweise an viele brisante oder sensible Themen unserer Zeit ermöglicht, um Antworten zu finden, die aus dem Herzen kommen.
Doch warum nimmt ein Typ wie Besserberg, ein literarisches Abziehbild des in Vergessenheit geratenen ehemaligen Ministers von Guttenberg einen solch prominenten Platz ein? Für eine kurze Zeit, der ein oder andere wird sich noch erinnern, nahm der Hype um diese reichlich abgeschmackte Person ja durchaus gespenstische Züge an und zeigte nur zu deutlich, dass die unterschwelligen Sehnsüchte nach einem politischen Heilsbringer durchaus auch heute noch aktivierbar sind. Im Roman jedenfalls steht die Befürchtung im Raum, Besserberg könne das Zeug zum neuen Hitler haben – oder aber einfach nur der lang erwartete starke Mann sein, der es mit den USA aufnimmt …

Die rettende Idee?

Ohne jetzt zu viel zu verraten, aber: Natürlich kommt es im Roman noch zu einer Kettenreaktion. Sonst wäre es ja langweilig. Doch in der Realität möge uns das bitte erspart bleiben. Ich bin da auch ziemlich optimistisch und glaube, dass das ganze Spektakel hauptsächlich dazu dient, die griechische Regierung loszuwerden, wie auch Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online Kolummne schreibt. Aber trotzdem ist es ja so, dass ein Mangel an zündenden Ideen besteht, wie man die Krise schnell und einfach lösen könnte. Auch auf die Gefahr hin, mich jetzt lächerlich zu machen, möchte ich doch mitteilen, was ich machen würde, wenn ich König von Deutschland wäre und was zu sagen hätte. Meine Idee geht dabei davon aus, dass das Problem darin besteht, dass Griechenland Geld braucht, um seine Schulden zu bezahlen. Wo soll also das Geld dafür herkommen, ist die Frage. Ganz einfach: Man gründe einen Fond, in den jeder Interessierte Geld einzahlen kann. Die Gegenleistung besteht darin, dass dessen Einlagen nach einem eventuellen Systemcrash in der neuen Währung zurückgezahlt werden – und zwar von den ökonomisch starken Ländern wie Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Co. Damit wäre der Fond eine mindestens genauso krisensichere Anlagemöglichkeit wie Gold oder Immobilien. So etwas muss natürlich seinen Preis haben, weswegen der Fond nicht das gesamte angelegte Geld zurückzahlt, sondern einen Teil behält. Um zusätzlich eine Dynamik bei den Anlegern nach dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ anzufachen, sollte es drei verschiedene Sätze geben: 85, 75 und 65 Prozent, wobei die oberen Sätze kontingentiert sein sollten, sodass es die Form einer Pyramide hätte. Wer also schnell, sagen wir, 10.000 Euro einzahlt, würde den größten Teil zu 85 und 75 Prozent anlegen, während sich Leute, die zu lange zögern, mit 65 Prozent begnügen müssten. Mit dem so eingenommenen Geld könnte man dann die Schulden Griechenlands bezahlen und die Krise wäre gelöst. Die Kosten würden von denjenigen übernommen, die Angst davor haben, ihr Vermögen bei einem Systemabsturz zu verlieren. Es wäre also praktisch ein Spiel mit der Angst vor dem Zusammenbruch, der genau durch die Angst vor seinem tatsächlichen Eintreten verhindert wird. Ein wirklicher Renner wäre so ein Fond zwar wahrscheinlich nur, wenn die Angst vorm Crash sehr akut ist, doch könnte man allen Einzahlern, je nach Höhe des Beitrags, auch Zertifikate ausstellen, die zu irgendwelchen steuerlichen Vorteilen oder Bevorzugungen bei Ausschreibungen berechtigen. Das wäre schon attraktiv und wieso sollte sich die Allgemeinheit auch nicht denen gegenüber dankbar zeigen, die ein Opfer für das Allgemeinwohl bringen?

Das sind natürlich nur ein paar Gedanken, die denkbar weit von der Realität des neoliberalen politischen Denkens unserer Zeit entfernt sind. Und wirklich habe ich auch nicht genügend Ahnung von der Materie oder das Standing, um einen seriösen Vorschlag unterbreiten zu können, aber trotzdem finde ich die Idee so reizvoll, dass ich sie zumindest mal mitteilen wollte.

1 Comment on Der Grexit in der Literatur

  1. Ein sehr informativer Artikel mit interessanten Informationen, die mir bis dato in dieser Form gar nicht bekannt war. Das Durchlesen hat sich defintiv gelohnt.

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