Von allen russischen Dichtern ist Alexander Sergejewitsch Puschkin der mit Abstand beliebteste. Und das liegt nicht nur daran, dass er mit 37 Jahren den romantischsten aller Dichtertode im Duell gestorben ist, sondern vor allem an seinen großartigen, leichtfüßigen und tiefsinnigen Versen. Diese sind allerdings schwer zu übersetzen, weswegen Puschkins Ruhm im Westen, anders als in Russland, weit hinter dem Dostojewskijs oder Tolstojs zurücksteht. Wer Puschkin im Original liest, betritt also nichts weniger als das Allerheiligste der russischen Seele, zu dem Nicht-Russen eigentlich keinen Zutritt haben.

Mednyj VsadnikCover, der eherne Reiter, verfasst von 1834 bis 1836, war Puschkins letztes Poem – und es ist ein trauriger Gesang, den er anstimmt. Es ist die Geschichte des kleinen Beamten Jewgenij – einem Typus, der später für Gogol, Dostojewskij und viele andere stilbildend werden sollte – der ein bescheidenes Dasein in der klimatisch so unfreundlichen Hauptstadt Sankt Petersburg fristet. Trotzdem ist er guter Dinge, da er bald seine Verlobte Parascha zu heiraten gedenkt. Für diese Aussicht findet Puschkin dabei so liebenswürdige Verse, dass man gleich das Ideal der heilen Familie spürt, das die konservativen Verfechter traditioneller Werte heutzutage propagieren. Doch natürlich kommt es anders. Ein schweres Unwetter sucht Sankt Petersburg heim, der Fluss, die Newa, tritt über die Ufer und eine Überschwemmung ungekannten Ausmaßes bricht sich Bahn. Am nächsten Tag stürzt Jewgenij aus dem Haus, sucht die bis zur Unkenntlichkeit veränderte Stadt nach seiner Geliebten ab, erreicht endlich die Straße, in der das Häuschen der Mutter seiner Verlobten stand – doch findet er nichts als Trümmer, Trümmer und Leichen. Außer sich vor Schock irrt er umher, starrt auf den Schauplatz des Geschehens, schlägt sich endlich mit der Hand gegen die Stirn – und bricht in schallendes Gelächter aus. So befremdlich diese Reaktion im ersten Moment auch erscheinen mag, ist sie doch feinsinnig und präzise getroffen, denn der Moment des Lachens ist gleichzeitig der, in dem er dem Bezumie verfällt, dem Ohne-Verstand-Sein. Als psychisch gebrochener Mann, als Traumatisierter, fällt er aus allen sozialen Netzen, ist „nicht Mensch, nicht Tier“, und geht auf den Straßen Sankt Petersburgs zugrunde.

Wellen mit Text quer

Das ist die Story. Doch der wahre Held dieses Poems, in dem sich alles reimt und ebenmäßig gleitet, der Namenspatron, ist der eherne Reiter, das bronzene Reiterstandbild Peters des Großen. Dieser wird im Prolog zwar als visonärer Gründer von Sankt Petersburg und Bezwinger der Schweden gefeiert, doch sein Standbild ist so unheimlich, dass man sich als Leser unweigerlich an Poes Raben erinnert fühlt. Ständig starrt er Jewgenij an und bei ihrer letzten Begegnung scheint es ihm sogar, der eherne Reiter wende den Kopf nach ihm und spreche ihn an. Er wähnt, das Reiterdenkmal galloppiere hinter ihm her, und von Sinnen flieht er durch die finstere Petersburger Nacht …

Eine Allegorie auf Russland

Es mag weithergeholt erscheinen, aus diesem Plot irgendwelche Rückschlüsse auf die der heutigen russischen Politik zugrunde liegende Mentalität zu ziehen, auch wenn der Mednyj Vsadnik seit ewigen Zeiten verpflichtende Schullektüre ist und wirklich jeder ihn kennt, doch Puschkin selber hat die Figur des ehernen Reiters ausdrücklich als Allegorie auf die russische Großmachtpolitik konzipiert. So heißt es an einer Stelle: „Jener, der reglos erhebt/ In der Finsternis sein bronzen Haupt,/ Jener, durch dessen schicksalhaften Willen/ Eine Stadt am Meer gegründet wurde .../ Schrecklich ist er in der Dunkelheit ringsum!/ Welche Gedanken kreisen hinter seiner Stirn?/ Welche Kraft ist in ihm verborgen?/ Und in seinem Pferde, o, welches Feuer!/ Wohin reitest du, stolzes Pferd,/ und wo lässt du deine Hufe niederschlagen?/ O mächtiger Gebieter des Schicksals!/ Hast du nicht auch Russland ebenso/ Mit eisernem Zügel über dem Abgrund in die Höhe/ Sich auf den Hinterbeinen aufbäumen lassen?“ [Übersetzung: T.J.]. Das trifft zweifellos auch auf die Gegenwart zu. Russland stellt sich auf die Hinterbeine und wehrt sich vehement gegen die Osterweiterung von Nato und EU. Dabei ist es gleichgültig, welche Wirkung das auf Außenstehende hat. Mögen sie wie Jewgenij vor Angst und Wahnsinn sterben oder mögen sie wie die Balten, Polen und Ukrainer um amerikanische Militärhilfe ersuchen. Ja, im Prolog findet sich sogar ein explizites Bekenntnis zum Angstmachen. So verkündet Peter der Große dort anlässlich der Gründung seiner Stadt: „Von hier aus werden wir Schweden bedrohen.“ Das ist nicht nett. Und es wird auch nicht besser dadurch, dass man in den russischen Mainstreammedien immer wieder auf Äußerungen wie „Sollen sie ruhig ein bisschen Angst vor uns haben, dann respektieren sie uns wenigstens“ trifft. Die Herzen gewinnt man so sicherlich nicht. Aber trotzdem: Eine mögliche Bedrohung zu sein, ist bei Weitem nicht dasselbe, wie einen Angriffskrieg vorzubereiten.

Tatsächlich ist es ja so, dass Russland die Volksrepubliken Donezk und Luhansk nicht als unabhängige Staaten anerkennt und ihre Führungen dazu gebracht hat, dass sie Teil der Ukraine bleiben würdeIllustration Held plus Reitern. Damit könnte sich der ganze Krieg erledigt haben, da er immerhin darum geführt wird, eine Abspaltung des Donbass zu verhindern. Russland nimmt also, trotz seiner humanitären und militärischen Unterstützung für die Separatisten, eine prinzipiell deeskalierende Position ein. Doch die ukrainische Nationalbewegung, die sich ja bereits an den Kompromiss mit dem damaligen Präsidenten Janukowitsch über vorgezogene Neuwahlen nicht gehalten hatte, zeigt auch hier wieder ihren Unwillen, auf andere zuzugehen. Stattdessen hat die ukrainische Regierung über die Volksrepubliken eine Wirtschafts-blockade verhängt und den Artilleriebeschuss von Donezk und anderen Orten wieder aufnehmen lassen. Trotz dieses aktiv eskalierenden Verhaltens wird vom Westen nur Russland für alles verantwortlich gemacht. Brechen die Ukrainer den Waffenstillstand, reagiert der Westen stereotyp mit neuen Sanktionsforderungen gegen Russland.

Droht ein großer Krieg?

Da nähme es nicht Wunder, wenn das Pferd zu scheuen und auszutreten begänne. Immerhin hat Russland in den letzten Jahren seine Streitkräfte beträchtlich modernisiert. Das ist schon lange nicht mehr die mitleiderregende Armee der Neunziger. Trotzdem befürchte ich nicht, dass Russland einen Krieg anfangen könnte. Das russische Establishment ist zu konservativ, als dass es das, was es sich aus den Trümmern der Sowjetunion aufgebaut hat, leichtfertig aufs Spiel setzen würde. Einen akuten Anfall von Kriegsangst, fast so intensiv wie Jewgenijs Wahn, hatten dagegen neulich Berichte mit dem Titel „Warten auf den ersten Schuss“ über den Transnistrien-Konflikt bei mir ausgelöst. Transnistrien ist eine von Moldau abtrünnige Republik, die an die Ukraine im Gebiet von Odessa grenzt und in der russische Blauhelmsoldaten stationiert sind. Deren Nachschubverbindungen wurden vom ukrainischen Präsidenten Poroschenko durch eine weitere Blockade gekappt, außerdem wurde der ehemalige georgische Präsident Saakaschwili, der 2008 schon einmal russische Blauhelme beschießen ließ und unter anderem damit den Georgienkrieg ausgelöst hatte, zum Gouverneur von Odessa ernannt. Es hieß, man wolle Transnistrien „befreien“. Außerdem stieß ich auf einen Tweet eines Insiders (?), demzufolge man im Nato-Hauptquartier davon ausgehe, sich im Sommer im Krieg mit Russland zu befinden und hoffen solle, dass dies kein nuklearer werde. Ich zählte eins und eines zusammen, schlug mir mit der Hand gegen die Stirn – und startete eine Odyssee durch den Abend und durch die Nacht. In Gedanken alle Szenarien durchgehend (Müssten die Russen nicht zurückschießen, wenn …) und Notfallpläne entwerfend kam ich auch den nächsten Tag nicht völlig runter. Allenthalben stieß ich darauf, dass auch andere Menschen in meinem Umfeld eine allgemein seltsam angespannte Atmosphäre wahrnahmen …

Doch zum Glück ist nichts passiert. Der G7-Gipfel, der an ebenjenem Wochenende stattfand, als Transnistrien durch die Nachrichten huschte, entpuppte sich als Friedensgipfel. Die Falken in Kiew und in der Nato sind nicht zum Zuge gekommen und die Dr. Seltsams müssen sich damit abfinden, dass ihre Planspiele eines Atomkriegs Planspiele bleiben werden. Doch hüten wir uns davor, die Existenz der Falken und Dr. Seltsams zu verneinen, sie zu übersehen. Sie sind weit realer als das Gespenst des ehernen Reiters, sie sind unser eigener Schatten.

Von Russland lernen

Doch was ist jetKolumnazt mit der russischen Mentalität? Als Jewgenijs Leben noch in Ordnung ist, fragt er sich, warum er eigentlich nicht heiraten sollte. Doch dann ereilt ihn ein Schicksalsschlag und alles bricht zusammen. Die Fragilität der menschlichen Existenz, die in Russland noch spürbarer ist als hier, erlaubt keinerlei Kokettieren mit dem Scheitern. Man muss eine klare Erfolgsorientierung haben, darf sich auf keinen Fall zu sehr gehen lassen, zu sehr den Drogen oder dem Alkohol zusprechen, muss also gewisse konservative Werte in sein Leben integrieren, um nicht vor die Hunde zu gehen.Der russische Konservativismus ist dabei keineswegs xenophob – auch Puschkin konnte trotz seiner offensichtlichen afrikanischen Wurzeln russischer Nationaldichter werden, und das zu einer Zeit, in der er in den USA noch ohne wenn und aber versklavt worden wäre -, er akzeptiert, was ihm gefällt, verwirft aber, was ihm missfällt. Wie mein interkultureller Lernprozess mit der russischen Mentalität genau aussah, ist eine Geschichte für sich. Nur so viel: Von Russland lernen, hieß für mich immer, klarkommen, sich berappeln, überleben lernen. Von Russland lernen heißt, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Puschkin: Mednyj Vsadnik.

Mit Holzstichen von Fjodor Konstantinov illustriert.

Verlag: Detskaja Literatura, Moskva 1984.

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