Es gibt Bücher, die einen so anfixen, dass man am liebsten drogenabhängig werden würde, zumindest aber unbedingt wieder mit dem Rauchen anfangen muss, um den literarischen Rausch irgendwie in die eigene Lebenswirklichkeit runterzubrechen. Der „Roman mit Kokain“ ist eines dieser seltenen Werke.

Das mag verblüffen, dIMG_1663enn üblicherweise assoziiert man Kokain ja eher mit unsympathischen Schnöseln und würde einen Roman aus der Kokserszene unweigerlich der belanglosesten Popliteratur zuordnen, doch diese Erwartungen gehen fehl. Zum allergrößten Erstaunen des Lesers nämlich entführt der Roman einen zunächst an ein Moskauer Gymnasium Mitte der zehner Jahre des vorigen Jahrhunderts. Dort trifft man auf Wadim Maslennikow, einen Fünfzehnjährigen, der sich für seine armselige Mutter schämt, und wird ferner mit den verschiedensten Mitschülern und Lehrern bekannt gemacht. Dabei wird nie etwas beschönigt oder romantisiert, sondern immer klar gesagt, was Sache ist. Vor allem im emotionalen Bereich, bei dem Agejew die feinsten Nuancen aufspürt und in präzise Worte fasst. So entsteht schon nach wenigen Seiten eine äußerst wirklichkeitsnahe Vorstellungswelt, die einen unweigerlich in ihren Bann zieht. Maslennikow hat das Glück, zu den beliebtesten Schülern seiner Klasse zu gehören. Dies hat er nicht unwesentlich seinem Ruf als Draufgänger zu verdanken, der reihenweise die Frauen klar macht. Eine von ihnen, Sinotschka, lernt er beispielsweise bei einem seiner abendlichen Spaziergänge durch Moskau kennen. Er lädt sie zu einer Spazierfahrt in einer Kutsche ein, sie traben ein wenig durch die Stadt und kommen an Sehenswürdigkeiten wie Kirchen und Klöstern vorbei, die später von den Bolschewisten gesprengt wurden, und landen schließlich in einem Stundenhotel. Sinotschka kommt dabei aus ärmeren Verhältnissen und himmelt Wadim, der als Halbwaise seine Mutter schamlos aussaugt, in völliger Verkennung seines Charakters und sozialen Standes an. Er dankt es ihr, indem er sie wissentlich mit einer Geschlechtskrankheit, an der er gerade herumdoktort, ansteckt und ihr zum Abschied eine falsche Telefonnummer zusteckt. Seine Seelenregungen werden dabei so einfühlsam geschildert, dass man unweigerlich denkt: So soll es sein, das ist der Lauf der Dinge.

Aus der Zeit gefallen

Auch Wadims Klassenkameraden und die Gruppendynamik mit ihren Machtkämpfen innerhalb der Klasse werden sehr plastisch beschrieben, ohne dass das Ganze ausufernd werden würde. Interessant ist dabei auch, dass diese Machtkämpfe unter anderem mittels politischer Diskussionen ausgetragen werden, bei denen sich die Schüler wahlweise Antisemitismus, Unchristlichkeit oder mangelndes Europäertum vorwerfen. Hinzu kommt noch, dass sich Russland und Deutschland gerade miteinander im Krieg befinden, was aber niemanden so recht interessiert, zumindest Wadim nicht. Also im Prinzip alles so wie heute auch. Nur dass der „Roman mit Kokain“ bereits in den 1930ern geschrieben wurde, 1915ff spielt und 2012 vom Manesse Verlag in einer sehr ansprechenden AuDie alte Rus IVsgabe veröffentlicht wurde, die erstmals direkt vom Russischen ins Deutsche übersetzt worden war. Insofern handelt es sich bei diesem Roman also um eine klassische Wiederentdeckung; während meines Slawistikstudiums habe ich auch kein einziges Mal von seiner Existenz gehört und auch Reinhard Lauers „Geschichte der russischen Literatur“ erwähnt ihn mit keinem Wort. Das ist etwas seltsam, denn als der Roman in den Dreißigern in Paris veröffentlicht wurde, hatte er durchaus einigen Erfolg und Anfang der Achtziger wurde er bereits einmal ins Französische und von da aus in andere Sprachen übersetzt und entsprechend gefeiert. Seinerzeit stritten die Slawisten dann allerdings vor allem darüber, ob sich hinter dem Pseudonym Agejew wohl Nabokow verstecken könnte. Zwar bestritt dessen Witwe das und es meldete sich eine ehemalige Weggefährtin Agejews, die über einen gewissen Mark Levi berichtete, der der Urheber gewesen sein sollte, doch schenkte man ihr keinen Glauben. So dauerte es dann noch bis zur Öffnung der sowjetischen Archive, ehe die Lebensgeschichte des literarischen No-Names Mark Levi rekonstruiert werden konnte, der in den zehner Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ein Gymnasium in Moskau besuchte und dessen Bruder in jungen Jahren an seiner Kokainsucht verstarb.

Bevor Wadim nun allerdings dem Kokain verfällt, kommt ihm noch eine Frau dazwischen, für die er wahre Gefühle empfindet, deren Effekt es allerdings leider ist, dass sie ihn in seiner Animalität einschränken. Folglich sieht er sich dazu gezwungen, alle edlen Gefühle und Regungen in sich abzutöten, um der Frau wie ein Mann begegnen zu können. Eine Weile geht das gut, doch irgendwann hat Sonja, wie die verheiratete Frau heißt, genug vom Kloaken-Wadim und dann kommt auch schon das Kokain …

Revolutionär

Wer jetzt befürchtet, nach dieserBulgakows Patriarchenteich ausführlichen Schilderung den Roman nicht mehr lesen zu brauchen, liegt falsch, denn ein Großteil seines Reizes besteht, wie gesagt, in den feinfühligen Schilderungen der Psychodynamiken der aufgeführten Personen. Außerdem ist der Ausflug in die Drogenboheme des unmittelbar vorrevolutionären Moskaus, das gleichzeitig so modern wirkt, dass man es mit dem heutigen verwechseln könnte, und einen winzigen, sehr spezifischen historischen Moment abbildet, einmalig und absolut fesselnd. Dabei ist die Perspektive eines apolitischen Kokainkonsumenten, dem Krieg und Revolution am Allerwertesten vorbeigehen, bestechend, auch wenn man sich selbst etwas mehr Erzählen vom großen revolutionären Umbruch gewünscht hätte. Aber Levi ist ein viel zu brillianter Menschenkenner, als dass er das nötig hätte. Ihm genügt es, eine Allerweltsbeobachtung eines Theaterbesuchers anzustellen, um anhand dessen die psychische Gestricktheit eines idealistischen politischen Aktivisten deutlich zu machen – und man versteht: das ist die ganze Geschichte, konzentriert im Husten eines Theaterbesuchers. Da trifft es sich gut, dass man bei einem von Wadims Lehrern nur anhand des Kontextes erkennen konnte, ob er gerade hustet oder lacht. Das kosmische Gelächter lacht.

M. Agejew
Roman mit Kokain
Manesse, 2012, 248 Seiten

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