Kann das elfte Album einer Band noch prickelnd, frisch und voller Erwartung sein oder muss es nicht irgendwie in die Jahre gekommen, schal und lasch wirken? Traut man einem elften Album wirklich noch eine Sensation zu oder denkt man nicht einfach „Aha, die haben ’n neues Album raus, könnt ich mir bei Gelegenheit auch mal anhören …“?

Gleich als ich den ersten Artikel eines recht profanen Onlinemediums sah, in dem die Veröffentlichung eines neuen Tocotronic Albums angekündigt wurde, war ich angefixt und hatte das Gefühl, dass es sich hierbei nicht einfach nur um ein neues Album handeln würde, sondern um ein großes Album. Zwar bin ich durchaus ein Tocotronic-Fan der ersten Stunden, hab sie mit ihrem dritten Album „Wir kommen um uns zu beschweren“ kennen gelernt und dann ungefähr bis 2000 so was von rauf und runter gehört, dass es schon fast symbiotische Züge angenommen hatte (ich trug nur noch Trainingsjacken, zog nach Hamburg und landete bei meiner Suche nach einem fähigen Friseur zufälligerweise bei genau jener Frau, die auch Dirk die Haare schnitt). Aber danach kam ich dann auf den Balkan-Beat-/Russen-Ska-Trip, meine Liebe kühlte ab und Tocotronic wurde für mich etwas Vergangenes. Als sie 2005 dann ihr LSD-Album „Pure Vernunft darf niemals siegen“ veröffentlichten, kreuzten sich unsere Bahnen abermals und auch „Kapitulation“ sprach mir 2007 aus dem Herzen. „Schall und Wahn“ dagegen ging schlicht an mir vorbei, da ich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im weit entfernten Ausland weilte, während ihr letztes Album „Wie wir leben wollen“ an der Schwelle meines psychologischen Widerstandes scheiterte. Ich sah den Videoclip zu ihrer ersten Singleauskoppelung und dachte: „Das war´s.“

Und jetzt also wieder Tocotronic. Das rote Album. Eine Platte über die Liebe

Hastig, wie wenn ich etwas Verbotenes täte, las ich die Zeilen bei Spiegel-Online, überflog die routiniert vorgebrachten Interpretationen und Würdigungen des Feuilettonisten, spürte diese „Tocotronic – o, die kann man gut besprechen“-Vibes und wollte mich schon wieder der eigenen Arbeit zuwenden. Aber natürlich konnte ich es nicht lassen, nicht zumindest noch eben in den VAlbumcoverorab-Stream   des Albums reinzuhören. Eigentlich wollte ich es nicht, vielleicht, weil es verglichen mit der Intensität meiner Tocotronic-Begeisterung in den Neunzigern so unendlich profan ist, das neue Tocotronic-Album mal eben zu streamen, und dann auch noch über Spon. Aber ich tat es dann doch – und stellte es, Gott sei Dank, sehr bald wieder aus. Ich hatte genug gehört, um zu wissen, dass die einzig adäquate Weise, sich diesem Album zu nähern, darin besteht, in einen Plattenladen zu gehen und sich das rote Album zu kaufen. Auf Vinyl und mit Bargeld. (Überflüssig zu erwähnen, dass ich grade keine Kohle hab und mir das eigentlich nicht leisten kann). Da stand ich dann – und mit einem Male wurde mir klar, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Tocotronic-Vinylalbum erworben hatte. Sonst waren es immer CDs gewesen, die ihren Weg zu mir gefunden hatten. Das war ein ganz merkwürdiges und bedeutendes Gefühl. Es war, als würde alles, was von Tocotronics Schaffen zu mir gedrungen war, was mich inspiriert und geformt hatte, zu einem einzigen Punkt zusammenschmelzen, den ich dann „mein erstes Mal“ nennen könnte, weil ich nach all den Jahren die Berührung durch die Musik noch einmal wie bei einem ersten Mal wahrnehmen durfte. Allerdings schauderte ich vor dieser Empfindung auch zurück: zu überdreht, zu bedeutungsschwanger, einfach beschämend pathetisch. Zum Glück, dachte ich, würden all diese Gefühle und Erinnerungen, Erwartungen und Enttäuschungen in der gnädigen Schwärze des Vinyls erlöschen und der Vergessenheit anheim fallen. Doch dann, zuhause angekommen, löste ich die Folie vom Albumkarton, freute mich über dessen kräftiges Rot und zog die erste Platte raus. Sie befand sich in einer weißen Hülle, auf der sich mittig eine gezoomte Nahaufnahme der Augenpartie eines der Bandmitglieder befand, die mich so unerbittlich fixierte, dass ich die Augen noch abwandte, bevor ich Dirk, Arne oder Jan identifiziert hatte. Instinktiv schämte ich mich, weil ich solche Aufnahmen vor Jahren auch mal von mir selbst gemacht hatte, ärgerte mich, weil mir die Suggestivität des Blickes zu stark war und erinnerte mich daran, dass die frühen Tocotronics einen mit ihren Slogan-Songs auch was einreden und einen auf die Dauer runterziehen konnten. Die Schwärze der Vinylplatte würde wirklich einiges verschwinden lassen müssen. Ich ziehe sie raus aus ihrer Umhüllung – und sie ist rot, ein glänzendes, warmes Rot. Ich bin so gerührt. Es gibt nichts, was verschwinden müsste, nichts, wofür man sich schämen braucht, es ist alles pure Liebe.

Eine Liebesnacht?

Es heißt – aber vielplatteleicht bilde ich mir das auch nur ein, da ich den Artikel bei Spon ja sehr hastig gelesen hatte –, dass das rote Album die Vertonung einer Liebesnacht sei. Das glaube ich gerne und mir scheint, dass aus jedem Song genau dieses Mysterium spricht. Angefangen beim ersten Track, dem „Prolog“, bei dem jemand in der Fremde, in einer „toten Küstenstadt“ erwacht (hat er des Nachts das Meer gesehen?), von Muscheln und Schalentieren umgeben ist und in ihm die Gewissheit reift: „Liebe wird das Ereignis sein“. Von der beschriebenen Situation her sicher eher ein Epilog auf eine gewesene Liebesnacht, ist der Song von der Struktur des Albums her ein fantastischer Einstieg, wird doch später in „Spiralen“, dem siebten und zentralen Track, erklärt „Ich drehe mich in Spiralen/ Sie kreisen um dich/ Ich drehe mich in Spiralen/ Sie sind unendlich/ Sie sind unendlich/ Sie sind unendlich/ Und kreisen um dich“, was sowohl auf die Gedankenfolgen, in denen man verliebter Weise immer wieder zu derjenigen zurückkehrt, in die man gerade verliebt ist, zutrifft, als auch auf die Albumstruktur selbst. Denn der letzte Song endet mit der Feststellung „Pädagogisch wertlos/ War das Erlebnis/ Dieser Nacht“. Und kehrt damit in die Ausgangssituation des ersten Tracks, der zuende gegangenen Nacht, zurück. Mit dem feinen Unterschied, dass man dazwischen das ganze Album gehört, den Kreis geschlossen und eine weitere Umdrehung auf der Spirale in Richtung Unendlichkeit vollendet hat.

Eine Liebesnacht mit Tocotronic also. Das klingt gefährlich süßlich. Der zweite Song ziert sich denn auch erst ein bisschen, spielt hart auf, stimmt aber alsbald den Jubelgesang an: „Ich öffne mich“ – lassen wir uns also darauf ein! Mit aller Zärtlichkeit und Verletzlichkeit, die daraus resultieren, geht´s im nächsten Song weiter: „Wir sind Babys/ Sie [die Erwachsenen] verstehen uns nicht“. Erwachsen ist da wohl jeder, der nicht frisch und unmittelbar liebt, denn „Verwohnte Liebe ist behaglich/ Doch ihre Hölle offenbart sich uns/ Unmittelbar“. Musikalisch sind diese beiden Songs dabei schon recht poppig, wobei „Ich öffne mich“ noch etwas Drängendes und Rockiges hat, während „Die Erwachsenen“ wirklich schon einen ozeanischen Vorgeschmack darauf abliefert, zu welcher Süße Tocotronic den Mut finden. Doch vorerst ist es genug, es braucht eine Gegenbewegung, bevor es zu viel wird. Die kommt mit dem kräftigen Spiel der Akkustikgitarre im nächsten Lied „Rebel Boy“. Das kommt so ein bisschen wie dieser kurze Moment, wenn man die Verletzlichkeit und Bedürftigkeit der Frau spürt, um die man geworben hat, ihr Ja sich kristallisieren sieht – und sie im nächsten Moment küsst. Denn man selber weiß ja schon, was man will: „Ich will keine Punkte sammeln/ Gib mir nur ein neues Leben/ Ich will keine Treueherzen/ Kannst du mir Liebe geben?/ Flucht und Himmelfahrten/ Sind unsere Koordinaten/ Check dich mit mir ein/ Kannst du mich befreien?“ Damit sind dann alle Hürden überwunden und im nächsten Song geht´s zur Sache: „Chaos“ heißt er, hat einen schönen und eingängigen Beat, der irgendwie süchtig macht, und ein sehr stimmungsvolles Outro mit der E-Gitarre. Dazwischen treten sie dann den Beweis an, dass man über Sex nicht unbedingt auf Englisch singen muss. Das lyrische Ich fährt gerade auf der Autobahn, um noch einmal das Gesicht der lyrischen Sie zu sehen. Sicher ist es sich nicht, es ist „Gejagt von Geistern und Ideen“, doch „Unter deiner Decke/ Ein freundlicher Empfang“, wobei das „-pfang“ so blitzartig hervorschnellt, dass damit alles gesagt ist. Freilich, Autobahnlyrik ist Mainstream, aber sehr passender, denn Sex ist ja der Mainstream schlechthin.

Revolution gefällig?

„Rot für die Liebe, rot für die RevoluAugention“ heißt es auf der Homepage von Tocotronic, deren Album stilecht am ersten Mai veröffentlicht wurde. Und wirklich, gleich nach dem Akt-Song „Chaos“ kommt schon „Solidarität“ als erstes Lied, das nach einer politischen Deutung verlangt. Danach folgen „Spiralen“, das mit seinem Mysterien-artigen Charakter so etwas wie das geheime Zentrum des Albums bildet, das dann vom zweiten politischen Song, „Sie irren“, eingerahmt wird, ehe „Haft“ und „Zucker“ alles ausreizen, wozu Sex in Verbindung mit Liebe fähig ist, bevor das Album und die Liebesnacht dann mit „Jungfernfahrt“ und „Diese Nacht“ allmählich ausklingen und vom orgasmischen Zuckergipfel des Pop wieder runterkommen (der Song „Zucker“ ist so unfassbar, dass man ihn nicht thematisieren kann. Spräche man darüber, könnte es leicht peinlich klingen, doch hört man ihn, ist er zweifellos der Höhepunkt des Albums).

Die politischen Songs berühren mich dabei besonders, da ich mich sehr tief gesehen und wiedererkannt fühle: „Ihr/ Die ihr euch unverzagt/ Mit der Verachtung plagt/ Gejagt an jedem Tag/ Von euren Traumata/ Die ihr jede Hilfe braucht/ Unter Spießbürgern Spießruten lauft/ Von der Herde angestiert/ Mit ihren Fratzen konfrontiert/ Die ihr nicht mehr weiterwisst/ Und jede Zuneigung vermisst/ Die ihr vor dem Abriss steht/ Ihr habt meine/ Solidarität“. Das mag erstmal hart klingen, aber für die Leute, die nicht dem Pro-Ukraine-Taumel verfallen sind und nicht weggesehen haben, ist das ein sehr empathisches Psychogramm, da sie mit massiv abwertenden Etiketten wie „Putin-Versteher“, „Verschwörungstheoretiker“ etc. versehen wurden und jetzt, nach dem mutmaßlichen Ende des Konfliktes, vor dem „Abriss“ stehen, da sie sie sich zu weit von der „Herde“ entfernt haben. Doch „Sie irren/ Wenn sie sagen/ Dass dies Ghetto/ Dein Zuhause ist […] Sie irren/ Wenn sie glauben/ Dass man die Welt/ Vom Müll befreien muss [„Verschwörungstheorien“ wären, so interessant die von ihnen angebotenen Perspektiven auch sind, so ein Beispiel für „Müll“ im politischen Kontext]/ Sie irren/ Denn niemand/ Liebt den Müll der Welt/ Wie du es tust“. Mag sein, dass sich die Tocos was anderes, Unverfänglicheres dabei gedacht haben, doch treffen ihre Worte die Empfindungen, die das politische Geschehen der letzten anderthalb Jahre bei manchen hervorgerufen hat, sehr genau. Und es wäre eine noble Geste, eine schöne Handreichung über die in den letzten anderthalb Jahren aufgeworfenen Gräben, die zudem noch mit sehr berührenden Streicher-Klängen untermalt ist.

Die D-Seite

Die D-Seite des Albums ist nach dem orgasmischen Zucker-Höhepunkt als letztem Song der C-Seite ein merklicher Bruch. Der Gipfel liegt hinter einem und man muss sich vorsichtig in neue Gefilde tasten. „Jungfernfahrt“ heißt der entsprechende Song.

Beim Hören der Songs des Albums fragt man sich natürlich hin und wieder: Wie haben die das bloß gemacht? Wie konnten sie Gefühle in Worte fassen, von denen ich noch nicht wusste, dass ich sie habe? Vorher war mir zum Beispiel gar nicht aufgefallen, dass ich Löcher unter meiner Haut habe und aus Schwamm gebaut bin, wie mir gleich im ersten Song nahegelegt wurde. Aber eigentlich ist das ziemlich offensichtlich, denn sonst könnte einem ja nichts unter die Haut gehen, wenn man nichts Schwammartiges hätte. Doch so ist das halt – aber dafür teilen die Meister das Geheimnis ihrer Feinfühligkeit und ihres künstlerischen Genies auch bei Antritt der „Jungfernfahrt“ mit: „Ich kannte einen/ Der hat mir alles beigebracht/ Durch die dunkle Unterführung/ Hab ich mich auf den Weg gemacht.“ Das muss, alles in allem, ein sehr schöner Weg gewesen sein, den die Tocos bis jetzt gegangen sind. „Haben als BMX-Banditen/ Unsere Küsse aufbewahrt“ lässt den Reichtum jener Liebesgeschichten (ein BMX als schön schmutziges Zweirad) anklingen, die sie auf dem roten Album nicht mehr unterbringen konnten. Da kann schon ein Gefühl von „weißem Neid“ aufkommen, wie man in Russland sagt, wenn man die Fülle und das Glück eines anderen anerkennt, aber nicht unter dem eigenen Mangel leidet. Während dieses Songs wird einem dann klar, wie groß das Glück der vorherigen Lieder war. Diese loszulassen und dem Ende des Albums und der Nacht entgegenzugehen, ist wie eine neue Geburt: „Es ist mein Geburtstag/ An dem wir uns nahe sind“. Entsprechend wechselt Dirk von Lotzow beim letzten Song, „Diese Nacht“, in das lyrische Ich eines Kindes: „Du hast mich ins Bett gebracht.“ Doch dieses Ja zum Kleinsein, zur totalen Verletzlichkeit, nimmt dem Gewesenen nicht seine Größe: „Zeitweilig verstorben/ Gleite ich durch die Nacht“. Vielmehr ist es ein Anlauf zum letzten Gipfel der Hingabe an die Liebe, der im Hidden-Track folgt, wenn sich die heterosexuellen Tocos einem zarten Flirt mit dem Homoerotischen hingeben: „Ich hab ein Date mit Dirk/ Ich will wissen/ Ob er mich noch mag.“

Mögen ist gar kein Ausdruck. Das rote Album ist eine Sensation im ursprünglichen Wortsinn, eine starke sinnliche Erfahrung, wunderschön, berührend und so pädagogisch wertlos wie eine Liebesnacht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.