Die Nachricht vom Tode Günter Grass‘ traf mich sehr und ich musste das erstmal sacken lassen, ehe ich meine Gedanken soweit geordnet hatte, dass ich etwas darüber schreiben konnte. Im Prinzip würde ich es zwar vorziehen zu schweigen, doch sowohl die Wahrhaftigkeit als auch der Respekt vor dem Menschen Günter Grass drängen mich dazu, seinen Tod nicht wortlos zu übergehen.

Wahrscheinlich war ich 16, als ich die Blechtrommel gelesen habe. Sicher bin ich mir nicht, aber es fällt auf jeden Fall in die Zeit meines Lebens, an die ich mich am ungernsten erinnere. Vorher gab es noch Lichtblicke, das harmlose Schmökern etwa (so verschlang ich alle Teile von Frank Herberts „Wüstenplanet“ oder von Arthur C. Clarkes Rama-Reihe) oder das Abtauchen in Computerspielwelten (die Ultima-Reihe), doch habe ich bereits damals gespürt, dass diese Bücher und Spiele (von einem bestimmten Standpunkt aus betrachtet) hohl sind. Es gibt einfach Kunst mit wesentlich mehr Tiefgang. Ansonsten wäre das Bombardement abfälliger Äußerungen, das mein Vater tagein, tagaus über mich und alles, was mir gefiel, ausschüttete, wohl an mir abgeprallt. Doch das tat es nicht. Heute gehe ich auf Distanz, wenn jemand über die Dinge lästert, die mich berühren. Damals aber sehnte ich mich nach dem Respekt und der Anerkennung meines Vaters (und schämte mich gleichzeitig für dieses unpassende Bedürfnis) und begann deswegen, Schriftsteller zu lesen, von denen mein Vater mit Respekt sprach. Dazu gehörte vor allem Günter Grass. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, las mein Vater als großer Fontane-Fan sogar „Ein weites Feld“, das 1995 herauskam, als ich 16 war. Ich selbst versuchte mich an der Blechtrommel, die sprachlich für mich eine so gewaltige Herausforderung war, dass ich manche Teile schlichtweg nicht verstand. Das war sie also, die große Literatur, die zu achten und zu interpretieren man uns auch gerade in der Schule nahezubringen versuchte und deren Lektüre eher ein Kampf, zumindest aber eine Anstrengung war und nicht die unbeschwerte Leichtigkeit des Schmökerns hatte.

Die Blechtrommel

Trotzdem las ich die Blechtrommel bis zum Ende durch, denn zwischendurch gab es immer wieder Passagen, die mich im Innersten berührten oder die ich sonst wie toll fand. Zunächst einmal konnte ich mich durchaus mit Oskar Matzerath identifizieren. Zwar habe ich nicht mit drei aufgehört zu wachsen, aber erst mit drei angefangen zu sprechen. Etwas, das ich eigentlich bis heute lieber anderen überlasse. Dann fand ich´s toll, wie er sich unter den Röcken seiner kaschubischen Großmutter vor der Welt versteckte, war neidisch auf das Brausepulver aus dem Bauchnabel Saugen am Strand und abgrundtief fasziniert vom Aalangeln mithilfe eines Pferdekopfs. Der Beat der Blechtrommel selber ging mir auch ganz gut ins Ohr und mitunter dachte ich daran, dass meinem Vater wohl dieselben Stellen gefallen haben mussten, der Beat der Blechtrommel also unsere Herzen, die zu zwei völlig entgegengesetzten Menschen gehörten, synchronisierte. Sicherlich gab es darüber dann auch kurze Gespräche, bei denen man sich dann mal verbundener fühlte. Doch letztendlich wog seine Alltagsasozialität so schwer, dass die Verbundenheit über die Literatur das nicht aufwiegen konnte. Vielleicht war die Literatur nur ein harmonischer Kontrast, der die eigentlichen Spannungen lediglich überspielte. Jedenfalls höre ich dann, wenn ich mir vorstelle, dass mein Vater und ich uns auch wie zwei normale menschliche Wesen, die eine gute Zeit miteinander verbringen wollen, hätten begegnen können, die Schreie Oskar Matzeraths. Das ist so intensiv, dass in mir alle Gläser zerspringen. Mein Vater hat seitdem alle Bücher von Günter Grass gelesen, ich kein einziges. Mir reichte die Intensität dieser erstmaligen Begegnung und selbst am Treffen in Telgte, das man mir von verschiedenen Seiten nahegelegt hat, habe ich bis heute nicht teilgenommen.

Dafür fuhr ich etwa ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1997, zusammen mit einem Hilfskonvoi (es war die Endphase der Paketwohltätigkeit für den ehemaligen Ostblock) nach Polen, nach Danzig. Günter Grass, die Blechtrommel und deren Verfilmung waren bei dieser Fahrt an den Originalschauplatz natürlich präsent, doch rückblickend erscheinen mir zwei andere Dinge prägender: Die Fahrt nach Gdansk war mein erster Ostkontakt, dem drei Jahre später mit Beginn meines Slawistikstudiums viele weitere folgen sollten, und unterwegs las ich zum ersten Mal Rilke.

Was gesagt werden muss

An dieser Stelle könnte ich jetzt meine Erinnerung an meine Begegnung mit dem Grass’schen Werk abbrechen. Wohl habe ich auch zu der Zeit, als ich mit dem Lesen anspruchsvoller Literatur begann, beschlossen, selber Schriftsteller zu werden, doch inspiriert haben mich danach andere als Grass. Trotzdem habe ich ihn immer seines Engagements wegen geschätzt und als Vorbild angesehen. Ja, ich habe mir in meinen Phantasien ausgemalt, wie ich als Großschriftsteller Grass’schen Formates über die Weltpolitik räsonniere und mir alle beeindruckt zuhören. Als dann der pc-Mob, also die etablierte Öffentlichkeit, über Grass und sein Israelgedicht herfiel, hielt ich in einem Blog des Goethe-Instituts als einer der wenigen dagegen. Ich überlegte dann sogar, ob ich Herrn Grass nicht wohl eine Mail schicken sollte mit dem Link zum Blogbeitrag, damit er sieht, dass es auch noch Leute gibt, die ihn verteidigen, doch ich dachte, dass es sich nicht gehört, als kleiner Blogger mit dem großen Schriftsteller auf Kumpel zu machen. Ein halbes Jahr später war ich dann selber wieder auf dem Trip, Schriftsteller zu werden und schrieb „Staatsgeheimnis„. Den Roman hab ich jetzt seit einem guten Jahr vollendet und als sich abzuzeichnen begann, dass mir niemand zuhört oder mich überhaupt nur wahrnimmt, habe ich tatsächlich überlegt, ob ich mich nicht an Herrn Grass wenden und ihm ein Exemplar meines Romans (als E-Book freilich) schenken sollte. Ein Anschlag mit seiner Blechtrommel hätte ja gereicht, um die Aufmerksamkeit der Medien und des Publikums auf was auch immer zu lenken. Schon war ich in Gedanken soweit, mir vorzustellen, wie Günter Grass mich auf einer Pressekonferenz zu seinem Nachfolger ausruft, doch dem folgte stets die Vorstellung, wie man mich als Nächstes danach fragen würde, welche Bücher von Günter Grass („außer der Blechtrommel!“) mich am meisten beeindruckt hätten. Meine Scham war dann wieder so groß, dass die inneren Gläser zersprangen und so bin ich dem Meister aus Lübeck nie begegnet. Ja, ich wollte durchaus mal so sein wie er, doch es hat sich halt nicht ergeben, weswegen ich dann ich selbst blieb, was aber auch in Ordnung war. Ehrlich gesagt hätte ich auch nur begrenzt Lust auf die Rolle des politisch engagierten Literaten in einem Land der politischen Volltrottel, in dem sich alle Leute eine Decke über den Kopf ziehen, um nur ja die Realität oder die Weltlage auszublenden, und jeden als Nazi oder dergleichen beschimpfen, der es wagt, sie darauf hinzuweisen, dass das Leben kein Ponyhof ist.

Aber na ja, so sind die Menschen, so ist das Leben halt. Irgendwann ist es zuende und dann bleiben nur noch die Bücher. Der Butt soll ja auch ganz gut sein, wie man jetzt allerorten hört.

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