Kategorie: Literatur

Aus den Aufzeichnungen eines Revolutionärs XVIII: Es blinkt ein einsam Segel

Hier und da trieb ich mich die letzten anderthalb Monate herum, las und schrieb wohl dann und wann, doch kam ich nicht recht voran. In die Shortlist des Buchblog-Awards haben vorliegende Aufzeichnungen es mangels abgegebener Stimmen gleichfalls nicht geschafft, was jedoch die Voraussetzung dafür gewesen wäre, dass die Jury überhaupt einen Blick auf den Blog und dessen Texte geworfen hätte. So ist es mir also beschieden, meinen Bahnen auch weiterhin unbemerkt zu folgen, ein einsam blinkendes Segel inmitten stürmischer See vorzustellen, das notgedrungen Kurs hält, während ringsum die Wogen der Anschläge und Gräueltaten in immer kürzeren Abständen ihre bedrohliche Wucht entfalten. (mehr …)

Aus den Aufzeichnungen eines Revolutionärs XVII: Das blaue Band

Tage gibt’s, an denen die Sonne zwischen ihrem Auf- und Untergang, ohne sich überhaupt von ihrem wie festgeschraubten Fleck wegzubewegen, gnadenlos gegen die breite Fensterfront meines Ateliers anstürmt, alles pflanzliche Leben darinnen versengt, die auf dem Plattenteller liegengebliebenen Vinyls einschmilzt und zu neuer Wellenform aufwirft. Ans Schreiben ist dann nicht zu denken, wiewohl so manche Idee gerade bei solchen Temperaturen zu fixer Gestalt gerinnt, bisweilen gar ein gespenstisches Eigenleben annimmt, und so flüchtete ich diesen, nunmehr verflossenen Sommer notgedrungen des Öfteren aus der heimischen Hitzehölle. (mehr …)

Aus den Aufzeichnungen eines Revolutionärs XVI: Die Toten bleiben jung

Wer längs des seicht vor sich hin plätschernden Landwehrkanals marschiert, ist vor der Sonnenhitze zumeist durch einen grünen Baldachin raschelnden Laubs geschützt, doch nähert man sich der U-Bahnstation Hallesches Tor, wird das Ambiente urbaner und rauher, die Luft stickiger, die Hitze sengender. (mehr …)

Aus den Aufzeichnungen eines Revolutionärs XV: Als die Nacht verging

Seit nunmehr fast zwei Jahren lauert der Verfasser dieser Zeilen als womöglich illegales Internetaktiv im Untergrund der Blogosphäre mit einem Kompromat der Kanzlerin auf, um so die Regierung zu stürzen und bei der Gelegenheit gleich selber zu übernehmen und außerdem noch eine solidarische Weltrevolution des internationalen Systems in die Wege zu leiten. Ein schwieriges, wenn nicht gar aussichtsloses Unterfangen, das obendrein nicht von jedem verstanden wird und trotz seines zweifellos heroischen, echt leninistischen Charakters bisher keinerlei positive Resonanz erfahren hat. Doch stellte die illegale Arbeit im revolutionären Untergrund schon immer eine besondere Herausforderung dar, wovon auch Iwan Popows Roman „Als die Nacht verging“ über eine illegale Parteizelle Moskauer Bolschewiken Ende der nuller Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts mitreißend erzählt. (mehr …)

Aus den Aufzeichnungen eines Revolutionärs XIV: Die Wolokolamsker Chaussee

Eine Reihe roter Fahnen, flatternd im Wind, flankierte den Demonstrationszug der Genossen vom Jugendwiderstand mit seinem grünen, Halbmond geschmückten Tuch in der Mitte zu beiden Seiten, als er am ersten Mai dieses Jahres in die Neuköllner Sonnenallee einbog. Angetan von dieser Manifestation an Kampfdisziplin marschierte ich schon eine ganze Weile mit, stemmte sogar das breite, rote Quertransparent gegen den Wind, obwohl ich mit niemandem aus dem Zug bekannt war, und litt in der Mittagshitze einigen Durst. (mehr …)

Aus den Aufzeichnungen eines Revolutionärs XIII: Neuland unterm Pflug

Sozialismustage, 20. April 2019, der Samstag vor Ostern, Hitlers Geburtstag. Da kommt einiges zusammen. Aber die Sonne scheint. Und vorm Eingang zum nicht mehr ganz frischen, modernistischen Redaktionsgebäude des Neuen Deutschlands, wo die von der Sozialistischen Alternative (SAV) organisierte Veranstaltung stattfindet, komme ich auch gleich mit einem Weggefährten des Weltkommunismus ins Gespräch, der mir eine Ausgabe der Permanenten Revolution ans Herz legt, ein trotzkistisches Periodikum … (mehr …)

Aus den Aufzeichnungen eines Revolutionärs XII: Zement

Das trübe Grau des Spätwinters wabert dieser Apriltage von Neuem durch die Straßen, deren Bäume doch schon Sprossen gräulichen Grüns zeigen, und erfüllt wie eine mehlige Zementstaubwolke die ganze Luft, in der es als etwas fast mit den Händen Greifbares liegt, als Ahnung, dass es so nicht weitergehen wird. Die alte Zeit verflüchtigt sich, Angela Merkel scheint in Annegret Kramp-Karrenbauer überzugehen, der Brexit wälzt sich ätzend durchs Jahr, doch unbemerkt verdichtet sich im Nebel zugleich das Neue. Verstärkte Wetterfühligkeit, Angefasstheit und Gereiztheit allenthalben, Repressionen, Razzien und Revolten, ahnt doch keiner, dass lediglich ein stillgelegtes Zementwerk den Betrieb wieder aufgenommen und die Dunstwolke des spätkapitalistischen Verfalls in Wirklichkeit bereits vom Baustaub einer neuen Zeit herrührt. (mehr …)

Aus den Aufzeichnungen eines Revolutionärs XI: In den Katakomben von Odessa

Unbemerkt und unerkannt schleicht der Verfasser dieses Blogs zwischen den glänzenden Seiten des Internets umher, befindet sich gleichsam in dessen dunklen Katakomben, ein Illegaler, den niemand durchschaut und dessen Projekt sich niemandem erschließt. Es scheint sich um Literatur zu handeln, doch ist das wirklich alles? Geht es nur darum, Parallelen zwischen den besprochenen Romanen und den politischen Aktivitäten des Bloggers herzustellen oder steckt nicht doch mehr dahinter? Kann es sein, dass hier tatsächlich ein illegales Kreiskomittee des Internets am Werk ist und ein Vergleich mit den odessitischen Partisanen, deren Wirken Valentin Katajew (1897 – 1986) in seinem 630 Seiten Roman „In den Katakomben von Odessa“ (1949) so mitreißend und überzeugend geschildert hat, nicht viel zu weit hergeholt ist? (mehr …)

Aus den Aufzeichnungen eines Revolutionärs X: Die Brüder

Fanfarenklang und Trommelwirbel, Pauken und Trompeten, Krawall und Remidemi – so schmettert die Revolution ihren Marsch im 4/4-Takt, begeistert oder verschreckt das Auditorium und verlangt von allen die vollste Aufmerksamkeit, da sie, einer eifersüchtigen Diva nicht unähnlich, ansonsten schwer beleidigt sein und sich auch mal wie ein echtes Miststück aufführen kann. So kennen wir sie, so ist unser Bild. Doch verbleiben daneben, dahinter und dazwischen auch während der Revolution die leisen Töne des Lebens, welche Konstantin Fedin (1892 – 1977) in seinem wohlkomponierten Roman „Die Brüder“ (1926) mit scharfem Sinn für die Beständigkeit des allgemein Menschlichen sowie biografische Rhythmen eingefangen und inszeniert hat. (mehr …)

Aus den Aufzeichnungen eines Revolutionärs IX: Tschapajew

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, Weihnachten ist überstanden und für einen kurzen Moment herrscht Ruhe, bevor die Silvesterknallerei das nächste Jahr mit seinen absehbaren Anschlägen und Attacken einläutet. Die Situation bleibt also höchst angespannt, birgt jedoch ebenfalls ein revolutionäres Potential, doch ob dieses genutzt werden kann, steht in den Sternen. (mehr …)